Vanessa Link
•25 März 2026
Berufliche Interessen und Persönlichkeit – Wo genau treffen sie sich?
Warum arbeitet die eine Person begeistert im Forschungslabor, während die andere im Vertrieb aufblüht? Liegt das an Zufall, Interesse oder an unserer Persönlichkeit?
Die Antwort liegt oft in zwei zentralen psychologischen Bausteinen:
- unserer Persönlichkeit (Wer bin ich?) und
- unseren beruflichen Interessen (Was interessiert mich?).
Eine aktuelle Übersichtsarbeit von Wille et. al zeigt, wie diese beiden Bereiche zusammenhängen und was das für Berufsberatung, Personalentwicklung und die eigene Karriereplanung bedeutet.
Die entscheidende Frage lautet: Wo gibt es Übereinstimmungen von Persönlichkeit und beruflichen Interessen und wo unterscheiden sie sich?
Was sind berufliche Interessen und wie unterscheiden sie sich von Persönlichkeit?
Persönlichkeit beschreibt relativ stabile Eigenschaften, also typische Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster. Das bekannteste Modell ist das sogenannte Big-Five-Modell mit fünf Dimensionen:
- Verträglichkeit
- Gewissenhaftigkeit
- Neurotizismus
- Extraversion
- Offenheit für Erfahrungen

Eine erweiterte Variante ist das HEXACO-Modell, das zusätzlich die Dimension Ehrlichkeit-Bescheidenheit berücksichtigt.

Berufliche Interessen hingegen beschreiben unsere Vorlieben für bestimmte Tätigkeiten oder Arbeitsumfelder. Zum Beispiel:
- mit Menschen arbeiten
- Daten analysieren
- kreativ gestalten
- technische Probleme lösen
Persönlichkeit beschreibt also, wie wir uns typischerweise verhalten. Interessen zeigen hingegen, wohin es uns zieht.
Die wichtigsten Interessenmodelle
Die Studie vergleicht Persönlichkeitsmerkmale (aus dem Big 5 und HEXACO-Modell) mit drei großen Interessenmodellen. Zusammen beschreiben sie 22 berufliche Interessensbereiche.
Das klassische Modell: RIASEC
Der Psychologe John L. Holland entwickelte das bekannte RIASEC-Modell. Es unterscheidet sechs Interessentypen:
- Praktisch-technisch (Realistic)
- Analytisch-forschend (Investigative)
- Kreativ (Artistic)
- Helfend (Social)
- Führend, überzeugend (Enterprising)
- Ordnend, verwaltend (Conventional)
Diese sechs Bereiche lassen sich auf zwei Grundachsen anordnen:
- Ideen vs. Daten
- Dinge vs. Menschen
Das Modell wurde in vielen Studien bestätigt und ist bis heute Standard in der Berufsberatung.

Das Modell von Tracey & Rounds
Dieses Modell baut auf dem vorherigen auf. Es differenziert stärker und ist auch noch einmal konkreter. Dabei werden acht Interessensbereiche unterschieden:
- Kommunikation & Service (Social Facilitating)
- Fürsorge & Betreuung (Helping)
- Gestalten & Ausdrücken (Artistic)
- Natur & Umwelt (Nature/Outdoors)
- Technik & Handwerk (Mechanical)
- Daten & Analyse (Data Processing)
- Verwaltung & Finanzen (Business Detail)
- Führen & Organisieren (Managing)
Auch hier verlaufen die Interessen entlang der Achsen “Ideen vs. Daten” und “Dinge vs. Menschen“, allerdings feiner unterteilt als bei dem RIASEC-Modell.

Moderne Erweiterung: Das SETPOINT-Modell
Mit Blick auf neue Branchen wie IT, Technologie und Gesundheitswesen entwickelten Rong Su und Kolleg*innen das sogenannte SETPOINT-Modell. Es umfasst acht moderne Interessensdimensionen, darunter:
- Gesundheitswissenschaften (Health Sciences)
- Kreativer Ausdruck (Creative Expression)
- Technologie (Technology)
- Menschen (People)
- Organisation (Organization)
- Einfluss (Influence)
- Natur (Nature)
- Dinge (Things)
Dieses Modell bildet die moderne Arbeitswelt besser ab, etwa durch Automatisierung oder neue Berufsfelder.

Was zeigt die Forschung?
Die Autor*innen werteten zahlreiche Studien und Meta-Analysen aus. Zwei Persönlichkeitseigenschaften stechen besonders deutlich hervor.
Moderate Zusammenhänge
Offenheit für Erfahrungen
Menschen mit hoher Offenheit sind neugierig, kreativ und intellektuell interessiert. Offenheit zeigt besonders starke Zusammenhänge mit:
- Künstlerischen Interessen
- Kreativem Ausdruck
- Forschung und Wissensentwicklung
- Naturbezogenen Tätigkeiten
Offene Menschen fühlen sich stark zur „Ideen-Seite“ der Berufswelt hingezogen. Sie arbeiten gern dort, wo Neues entsteht, sei es in Kunst, Wissenschaft oder in Bereichen, die Innovationen vorantreiben.
Extraversion
Extravertierte Menschen sind gesellig, aktiv und durchsetzungsfähig. Extraversion zeigt positive Zusammenhänge mit:
- Führung und Einfluss
- Unternehmerischen Tätigkeiten
- Organisation
- Sozialen Berufen
Extraversion liegt klar am „Menschen-Pol“ der Berufswelt. Extravertierte arbeiten gern mit Menschen, sei es beratend, führend oder unterstützend.
Schwache Zusammenhänge
Verträglichkeit
Verträglichkeit zeigt moderate Zusammenhänge mit:
- Sozialen Tätigkeiten
- Helfenden Tätigkeiten
- Menschenbezogenen Tätigkeiten
Wer empathisch ist, interessiert sich eher für unterstützende Berufe.
Neurotizismus
Hier zeigen sich nur schwache und uneinheitliche Zusammenhänge. Der stärkste Befund ist eine leicht negative Verbindung zu unternehmerischen Interessen.
Emotionale Stabilität & Ehrlichkeit-Bescheidenheit (HEXACO)
Im HEXACO-Modell zeigt sich:
- Emotionalität hängt eher mit menschenbezogenen Interessen zusammen.
- Ehrlichkeit-Bescheidenheit steht stärker mit sozialen und helfenden Tätigkeiten in Verbindung und weniger mit stark wettbewerbsorientierten, datengetriebenen Bereichen.
Das deutet darauf hin, dass moralische Werte ebenfalls eine Rolle bei der Berufswahl spielen können.
Kein Zusammenhang
Gewissenhaftigkeit
Gewissenhaftigkeit hängt kaum mit beruflichen Interessen zusammen. Es beeinflusst stärker, wie gut jemand arbeitet und weniger, was jemanden interessiert.
FFM vs. HEXACO – Welches Modell erklärt mehr?
Ein spannender Befund ist, dass das HEXACO-Modell die beruflichen Interessen etwas besser als das klassische Big-Five-Modell erklärt. Der weitere Faktor „Ehrlichkeit-Bescheidenheit“ liefert also messbare Zusatzinformation.
Was bedeutet das für die Praxis?
Bevor Berufsentscheidungen getroffen oder Auswahlprozesse gestaltet werden, sind folgende Punkte zu beachten:
- Entwicklung mitdenken: Interessen verändern sich durch Erfahrungen. Somit sind Karrierewege keine starren Linien.
- Persönlichkeit und Interessen nutzen: Beide liefern unterschiedliche, ergänzende Informationen.
- ”Menschen-Dinge”-Achse reflektieren: Arbeite ich lieber mit Menschen oder mit Systemen, Maschinen und Daten?
- Moderne Berufsfelder berücksichtigen: Technologie- und Gesundheitsfelder gewinnen zunehmend an Bedeutung.
Fazit: Zwei Seiten derselben Medaille
Persönlichkeit beschreibt, wie wir sind. Berufliche Interessen zeigen, wohin es uns zieht. Die Forschung zeigt klare Zusammenhänge von Persönlichkeit und Interessen, besonders bei Offenheit und Extraversion.
Wer sowohl seine Persönlichkeit als auch seine Interessen kennt, trifft fundierte Berufsentscheidungen und erhöht die Chance auf langfristige Zufriedenheit und Passung. Und genau darum sollte es in moderner Personalauswahl und Karriereplanung gehen.
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Quelle:
Wille, B., Dupré, S. & De Fruyt, F. (2025). Personality and vocational interests: Connections between two fundamental individual-differences construct domains. Current Opinion in Psychology, 66, 102103. https://doi.org/10.1016/j.copsyc.2025.102103