Vanessa Link

25 März 2026

Berufliche Interessen und Persönlichkeit – Wo genau treffen sie sich?

Warum arbeitet die eine Person begeistert im Forschungslabor, während die andere im Vertrieb aufblüht? Liegt das an Zufall, Interesse oder an unserer Persönlichkeit?

Die Antwort liegt oft in zwei zentralen psychologischen Bausteinen:

  1. unserer Persönlichkeit (Wer bin ich?) und
  2. unseren beruflichen Interessen (Was interessiert mich?).

Eine aktuelle Übersichtsarbeit von Wille et. al zeigt, wie diese beiden Bereiche zusammenhängen und was das für Berufsberatung, Personalentwicklung und die eigene Karriereplanung bedeutet.

Die entscheidende Frage lautet: Wo gibt es Übereinstimmungen von Persönlichkeit und beruflichen Interessen und wo unterscheiden sie sich?

Inhalt

Was sind berufliche Interessen und wie unterscheiden sie sich von Persönlichkeit?

Persönlichkeit beschreibt relativ stabile Eigenschaften, also typische Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster. Das bekannteste Modell ist das sogenannte Big-Five-Modell mit fünf Dimensionen:

  1. Verträglichkeit
  2. Gewissenhaftigkeit
  3. Neurotizismus
  4. Extraversion
  5. Offenheit für Erfahrungen
Ein Kreisdiagramm stellt die „Big 5“ Persönlichkeitsmerkmale dar. In der Mitte steht „Big 5“. Das Diagramm ist in fünf farbige Segmente unterteilt: Oben links in Lila: „Gewissenhaftigkeit“ mit einer Illustration einer Person, die ein Zahnrad hält. Oben rechts in Gelb: „Neurotizismus“ mit einer Illustration eines gestressten Kopfes. Unten rechts in Orange: „Extraversion“ mit einer Illustration von mehreren Sprechblasen. Unten in der Mitte in Hellblau: „Offenheit für Erfahrungen“ mit einer Illustration von zwei Menschen und einer Glühbirne. Unten links in Rosa: „Verträglichkeit“ mit einer Illustration von drei Menschen, die Puzzleteile zusammenfügen.

Eine erweiterte Variante ist das HEXACO-Modell, das zusätzlich die Dimension Ehrlichkeit-Bescheidenheit berücksichtigt.

Ein Sechseck-Diagramm stellt das HEXACO-Modell der Persönlichkeit dar. In der Mitte steht „HEXACO“. Das Diagramm besteht aus sechs bunten Kreisen, die die sechs Dimensionen darstellen: Oben links in Lila: „Gewissenhaftigkeit“ Oben rechts in Gelb: „Emotionalität“ Rechts in Orange: „Extraversion“ Unten rechts in Grün: „Ehrlichkeit-Bescheidenheit“ Unten links in Hellblau: „Offenheit für Erfahrungen“ Links in Rosa: „Verträglichkeit“

Berufliche Interessen hingegen beschreiben unsere Vorlieben für bestimmte Tätigkeiten oder Arbeitsumfelder. Zum Beispiel:

  • mit Menschen arbeiten
  • Daten analysieren
  • kreativ gestalten
  • technische Probleme lösen

Persönlichkeit beschreibt also, wie wir uns typischerweise verhalten. Interessen zeigen hingegen, wohin es uns zieht.

Die wichtigsten Interessenmodelle

Die Studie vergleicht Persönlichkeitsmerkmale (aus dem Big 5 und HEXACO-Modell) mit drei großen Interessenmodellen. Zusammen beschreiben sie 22 berufliche Interessensbereiche.

Das klassische Modell: RIASEC

Der Psychologe John L. Holland entwickelte das bekannte RIASEC-Modell. Es unterscheidet sechs Interessentypen:

  1. Praktisch-technisch (Realistic)
  2. Analytisch-forschend (Investigative)
  3. Kreativ (Artistic)
  4. Helfend (Social)
  5. Führend, überzeugend (Enterprising)
  6. Ordnend, verwaltend (Conventional)

Diese sechs Bereiche lassen sich auf zwei Grundachsen anordnen:

  1. Ideen vs. Daten
  2. Dinge vs. Menschen

Das Modell wurde in vielen Studien bestätigt und ist bis heute Standard in der Berufsberatung.

Ein sechseckiges Diagramm zeigt das RIASEC-Modell in der Mitte, umgeben von sechs farbigen Segmenten, die verschiedene Interessensgebiete darstellen. Jedes Segment ist mit einem illustrierten Icon versehen. Die Kategorien sind: Oben links in Orange: „Realistic“ mit einem Zahnrad und einem Werkzeug. Oben in der Mitte in Rot: „Investigative“ mit einer Lupe und einem Aktenordner. Oben rechts in Lila: „Artistic“ mit einer Glühbirne und einem Stift. Unten rechts in Blau: „Social“ mit zwei Händen, die einen Handschlag symbolisieren. Unten in der Mitte in Grün: „Enterprising“ mit einer Person und einem Megafon. Unten links in Gelb: „Conventional“ mit Ordnern und Dokumenten. Um das Sechseck herum stehen die Grundachsen „Ideen“ oben, „Menschen“ rechts, „Daten“ unten und „Dinge“ links.

Das Modell von Tracey & Rounds

Dieses Modell baut auf dem vorherigen auf. Es differenziert stärker und ist auch noch einmal konkreter. Dabei werden acht Interessensbereiche unterschieden:

  1. Kommunikation & Service (Social Facilitating) 
  2. Fürsorge & Betreuung (Helping)
  3. Gestalten & Ausdrücken (Artistic)
  4. Natur & Umwelt (Nature/Outdoors)
  5. Technik & Handwerk (Mechanical)
  6. Daten & Analyse (Data Processing)
  7. Verwaltung & Finanzen (Business Detail)
  8. Führen & Organisieren (Managing)

Auch hier verlaufen die Interessen entlang der Achsen “Ideen vs. Daten” und “Dinge vs. Menschen“, allerdings feiner unterteilt als bei dem RIASEC-Modell.

Eine Konzeptgrafik zeigt das „Tracey & Rounds“-Modell in der Mitte, umgeben von acht farbigen Kategorien, die in einem Achteck angeordnet sind. Die Kategorien sind: Oben links in Gelb: „Nature/Outdoors“ Oben rechts in Lila: „Artistic“ Rechts in Dunkelblau: „Helping“ Rechts in Hellblau: „Social Facilitating“ Unten rechts in Dunkelgrün: „Managing“ Unten links in Grün: „Business Detail“ Links in Rot: „Data Processing“ Links in Orange: „Mechanical“ Die Kategorien sind durch Linien miteinander verbunden, die zu den Grundachsen „Ideen“ oben, „Menschen“ rechts, „Daten“ unten und „Dinge“ links führen, die um das zentrale Modell herum platziert sind.

Moderne Erweiterung: Das SETPOINT-Modell

Mit Blick auf neue Branchen wie IT, Technologie und Gesundheitswesen entwickelten Rong Su und Kolleg*innen das sogenannte SETPOINT-Modell. Es umfasst acht moderne Interessensdimensionen, darunter:

  1. Gesundheitswissenschaften (Health Sciences)
  2. Kreativer Ausdruck (Creative Expression)
  3. Technologie (Technology)
  4. Menschen (People)
  5. Organisation (Organization)
  6. Einfluss (Influence)
  7. Natur (Nature)
  8. Dinge (Things)

Dieses Modell bildet die moderne Arbeitswelt besser ab, etwa durch Automatisierung oder neue Berufsfelder.

Ein kreisförmiges Diagramm zeigt das „Setpoint“-Modell in der Mitte, umgeben von acht farbigen Kategorien. Jede Kategorie ist mit einem illustrierten Icon in Form von Symbolen versehen und stellt unterschiedliche Interessensgebiete dar. Die Kategorien sind: Oben links in Gelb: „Nature“ mit einem Blatt. Oben rechts in Lila: „Creative Expression“ mit einer Glühbirne. Rechts in Dunkelblau: „Health Sciences“ mit einem Herz und einem Kreuz. Rechts in Hellblau: „People“ mit drei Personen. Unten rechts in Dunkelgrün: „Influence“ mit einem Netzwerk-Symbol. Unten links in Grün: „Organization“ mit einem Organigramm. Links in Rot: „Technology“ mit einem Computer. Links in Orange: „Things“ mit drei Zahnrädern. Um den Kreis herum stehen die Achsen „Ideen“ oben, „Menschen“ rechts, „Daten“ unten und „Dinge“ links.

Was zeigt die Forschung?

Die Autor*innen werteten zahlreiche Studien und Meta-Analysen aus. Zwei Persönlichkeitseigenschaften stechen besonders deutlich hervor.

Moderate Zusammenhänge

Offenheit für Erfahrungen

Menschen mit hoher Offenheit sind neugierig, kreativ und intellektuell interessiert. Offenheit zeigt besonders starke Zusammenhänge mit:

  • Künstlerischen Interessen
  • Kreativem Ausdruck
  • Forschung und Wissensentwicklung
  • Naturbezogenen Tätigkeiten

Offene Menschen fühlen sich stark zur „Ideen-Seite“ der Berufswelt hingezogen. Sie arbeiten gern dort, wo Neues entsteht, sei es in Kunst, Wissenschaft oder in Bereichen, die Innovationen vorantreiben.

Extraversion

Extravertierte Menschen sind gesellig, aktiv und durchsetzungsfähig. Extraversion zeigt positive Zusammenhänge mit:

  • Führung und Einfluss
  • Unternehmerischen Tätigkeiten
  • Organisation
  • Sozialen Berufen

Extraversion liegt klar am „Menschen-Pol“ der Berufswelt. Extravertierte arbeiten gern mit Menschen, sei es beratend, führend oder unterstützend.

Schwache Zusammenhänge

Verträglichkeit 

Verträglichkeit zeigt moderate Zusammenhänge mit:

  • Sozialen Tätigkeiten
  • Helfenden Tätigkeiten
  • Menschenbezogenen Tätigkeiten

Wer empathisch ist, interessiert sich eher für unterstützende Berufe.

Neurotizismus 

Hier zeigen sich nur schwache und uneinheitliche Zusammenhänge. Der stärkste Befund ist eine leicht negative Verbindung zu unternehmerischen Interessen.

Emotionale Stabilität & Ehrlichkeit-Bescheidenheit (HEXACO)

Im HEXACO-Modell zeigt sich:

  • Emotionalität hängt eher mit menschenbezogenen Interessen zusammen.
  • Ehrlichkeit-Bescheidenheit steht stärker mit sozialen und helfenden Tätigkeiten in Verbindung und weniger mit stark wettbewerbsorientierten, datengetriebenen Bereichen.

Das deutet darauf hin, dass moralische Werte ebenfalls eine Rolle bei der Berufswahl spielen können.

Kein Zusammenhang

Gewissenhaftigkeit 

Gewissenhaftigkeit hängt kaum mit beruflichen Interessen zusammen. Es beeinflusst stärker, wie gut jemand arbeitet und weniger, was jemanden interessiert.

FFM vs. HEXACO – Welches Modell erklärt mehr?

Ein spannender Befund ist, dass das HEXACO-Modell die beruflichen Interessen etwas besser als das klassische Big-Five-Modell erklärt. Der weitere Faktor „Ehrlichkeit-Bescheidenheit“ liefert also messbare Zusatzinformation

Was bedeutet das für die Praxis?

Bevor Berufsentscheidungen getroffen oder Auswahlprozesse gestaltet werden, sind folgende Punkte zu beachten:

  1. Entwicklung mitdenken: Interessen verändern sich durch Erfahrungen. Somit sind Karrierewege keine starren Linien.
  2. Persönlichkeit und Interessen nutzen: Beide liefern unterschiedliche, ergänzende Informationen.
  3. ”Menschen-Dinge”-Achse reflektieren: Arbeite ich lieber mit Menschen oder mit Systemen, Maschinen und Daten?
  4. Moderne Berufsfelder berücksichtigen: Technologie- und Gesundheitsfelder gewinnen zunehmend an Bedeutung.

Fazit: Zwei Seiten derselben Medaille

Persönlichkeit beschreibt, wie wir sind. Berufliche Interessen zeigen, wohin es uns zieht. Die Forschung zeigt klare Zusammenhänge von Persönlichkeit und Interessen, besonders bei Offenheit und Extraversion.

Wer sowohl seine Persönlichkeit als auch seine Interessen kennt, trifft fundierte Berufsentscheidungen und erhöht die Chance auf langfristige Zufriedenheit und Passung. Und genau darum sollte es in moderner Personalauswahl und Karriereplanung gehen.

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Quelle:

Wille, B., Dupré, S. & De Fruyt, F. (2025). Personality and vocational interests: Connections between two fundamental individual-differences construct domains. Current Opinion in Psychology, 66, 102103. https://doi.org/10.1016/j.copsyc.2025.102103

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