Julia Mayer
•13 July 2026
Bitte lächeln? Warum HR das Bewerbungsfoto endlich begraben muss
Eine Bewerbung landet auf dem Schreibtisch oder im Posteingang. Der Lebenslauf ist sauber strukturiert, die Berufserfahrung passt, die Qualifikationen wirken vielversprechend. Doch noch bevor die erste Station gelesen ist, fällt der Blick auf das Bewerbungsfoto. Ein sympathisches Lächeln. Professionelles Licht. Der perfekt sitzende Blazer. Der erste Eindruck entsteht und zwar lange bevor es um Kompetenzen geht.
Dabei hat die bewerbende Person möglicherweise Stunden investiert, Projekte präzise beschrieben, Erfolge messbar gemacht und den Lebenslauf sorgfältig auf die ausgeschriebene Stelle zugeschnitten. Trotzdem entscheidet oft zunächst ein Foto darüber, ob jemand als kompetent, sympathisch oder passend wahrgenommen wird.
Ist das im Jahr 2026 wirklich noch zeitgemäß? Genau diese Frage lohnt einen genaueren Blick. Denn während Recruiting immer professioneller wird, hält sich eine Tradition erstaunlich hartnäckig: das Bewerbungsfoto.
1. Das Bewerbungsfoto: Ein Relikt ohne eignungsdiagnostischen Mehrwert
Recruiting hat sich in den vergangenen Jahren stark weiterentwickelt. Unternehmen investieren in strukturierte Interviews, Kompetenzmodelle, Arbeitsproben oder Assessment Center, um Personalentscheidungen möglichst valide und objektiv zu treffen. Umso erstaunlicher ist es, dass ausgerechnet das Bewerbungsfoto vielerorts noch immer als selbstverständlicher Bestandteil einer Bewerbung gilt.
Denn aus eignungsdiagnostischer Sicht liefert ein Porträt keinen belastbaren Mehrwert. Es sagt nichts über Fachwissen, Problemlösungskompetenz, Motivation, Lernfähigkeit oder Führungspotenzial aus. Dennoch fließt der dadurch entstehende erste Eindruck häufig unbewusst in die Beurteilung ein und das, bevor Qualifikationen überhaupt wahrgenommen werden.
Doch das ist nur ein Teil des Problems. Die eigentlichen Schwächen des Bewerbungsfotos zeigen sich auf mehreren Ebenen – von psychologischen Effekten über internationale Recruiting-Standards bis hin zu den Möglichkeiten künstlicher Intelligenz.
1.1 Unconscious Bias: Wenn das Gehirn schneller entscheidet als der Lebenslauf
Die wenigsten Recruiter*innen würden von sich behaupten, Bewerbende nach ihrem Aussehen zu beurteilen. Das müssen sie auch gar nicht. Denn unser Gehirn bildet innerhalb weniger Sekunden erste Eindrücke. Dieser Prozess läuft weitgehend automatisch und lässt sich selbst mit viel Erfahrung oder Professionalität nicht vollständig ausschalten.
Ein Bewerbungsfoto macht Merkmale wie Alter, Geschlecht oder ethnische Herkunft bereits in der ersten Auswahlrunde sichtbar. Damit steigt das Risiko, dass – bewusst oder unbewusst – gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) geschützte Merkmale Einfluss auf die Entscheidung nehmen. Genau diese Informationen sollten für die Auswahl einer geeigneten Person jedoch keine Rolle spielen.
Hinzu kommt der sogenannte Halo-Effekt. Menschen neigen dazu, von einer einzelnen positiven Eigenschaft – etwa einem attraktiven oder sympathisch wirkenden Erscheinungsbild – auf weitere Eigenschaften wie Kompetenz, Intelligenz oder Leistungsfähigkeit zu schließen. Studien zeigen seit Jahren, dass attraktiv wahrgenommene Bewerbende häufiger zu Vorstellungsgesprächen eingeladen und insgesamt positiver bewertet werden als vergleichbar qualifizierte Personen.
Das Problem ist also nicht mangelnde Professionalität im Recruiting. Das Problem ist, dass das Bewerbungsfoto Informationen liefert, die unser Urteil beeinflussen, obwohl sie für die berufliche Eignung keine Aussagekraft besitzen.
1.2 Der Blick ins Ausland: Warum der DACH-Raum an einer überholten Tradition festhält
Während das Bewerbungsfoto im deutschsprachigen Raum vielerorts noch als selbstverständlich gilt, sieht die Praxis in anderen Ländern ganz anders aus. In den USA, Großbritannien oder Kanada werden Bewerbungsfotos häufig ausdrücklich nicht erwünscht. Viele Unternehmen entfernen Bilder sogar bewusst aus Bewerbungen oder berücksichtigen sie gar nicht erst. Der Grund ist einfach: Persönliche Merkmale sollen die Vorauswahl möglichst nicht beeinflussen, weder bewusst noch unbewusst.
Der Hintergrund ist nicht nur eine andere Recruiting-Kultur. Gerade im angloamerikanischen Raum möchten Unternehmen vermeiden, dass sichtbare personenbezogene Merkmale die Vorauswahl beeinflussen und dadurch Diskriminierungsvorwürfe entstehen. Deshalb gelten Bewerbungsfotos dort häufig eher als Risiko denn als Mehrwert. Dort steht eine andere Frage im Mittelpunkt: Kann diese Person den Job erfolgreich ausüben?Und nicht: Wie wirkt sie auf einem Porträtfoto?
Die spannendere Frage lautet deshalb: Warum hält der DACH-Raum an einem Auswahlkriterium fest, das keinen nachweisbaren eignungsdiagnostischen Mehrwert bietet?
1.3 KI hat dem Bewerbungsfoto endgültig die Glaubwürdigkeit genommen
Selbst wer das Bewerbungsfoto bislang als authentischen ersten Eindruck verstanden hat, muss diese Annahme spätestens seit der weitreichenden Verbreitung generativer KI hinterfragen.
Heute reichen wenige Minuten und eine App aus, um aus einem beliebigen Smartphonefoto ein makelloses Business-Porträt zu erzeugen: professionelles Studiolicht, hochwertiger Business-Look, perfekte Haut, freundliches Lächeln. Und das Ganze auf Wunsch inklusive überzeugender Büro-Kulisse.
Das Ergebnis wirkt oft täuschend echt. Doch damit verändert sich die eigentliche Frage grundlegend. Was bewertet Recruiting heute anhand des Bewerbungsfotos noch? Die Person oder deren Fähigkeit, ein KI-Tool geschickt einzusetzen?
Wenn ein Bewerbungsfoto innerhalb weniger Minuten künstlich optimiert oder sogar vollständig neu erzeugt werden kann, verliert es seinen ursprünglichen Zweck. Aus einem vermeintlich authentischen ersten Eindruck wird ein digital optimiertes Wunschbild. Spätestens damit stellt sich die entscheidende Frage: Welchen Mehrwert soll ein Bewerbungsfoto im Recruiting überhaupt noch liefern?

2. Reality-Check: Wie modernes Recruiting ohne Bewerbungsfoto funktioniert
Wer das Bewerbungsfoto kritisch hinterfragt, muss sich zwangsläufig auch eine andere Frage stellen: Was tritt an seine Stelle?
Die gute Nachricht lautet: Eigentlich nichts. Denn das Ziel sollte nicht sein, das Foto durch ein anderes oberflächliches Kriterium zu ersetzen, sondern den Fokus konsequent auf berufsrelevante Informationen zu legen.
2.1 Anonymisierte Bewerbungen: Der erste Eindruck sollte fachlich sein
Die Idee ist nicht neu und sie funktioniert. Bei anonymisierten Bewerbungen werden Informationen wie Name, Geschlecht, Alter oder eben das Bewerbungsfoto in der ersten Auswahlrunde ausgeblendet. Recruiter*innen bewerten zunächst ausschließlich Qualifikationen, Berufserfahrung und die Passung zum Anforderungsprofil.
Verschiedene Unternehmen und Organisationen haben dieses Verfahren bereits getestet oder setzen es in Teilen ein. Das Ergebnis: Die Vorauswahl orientiert sich stärker an Kompetenzen und weniger an persönlichen Merkmalen.
Auch in Deutschland wurde die anonymisierte Bewerbung bereits wissenschaftlich begleitet. Modellprojekte der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigten, dass Bewerbende häufiger ausschließlich anhand ihrer Qualifikationen bewertet wurden und personenbezogene Merkmale in der ersten Auswahlstufe deutlich an Bedeutung verloren.
Natürlich löst die anonymisierte Bewerbung nicht jedes Problem. Spätestens im Vorstellungsgespräch lernen sich beide Seiten persönlich kennen. Doch genau dort gehört der erste persönliche Eindruck auch hin – in eine Situation, in der Kompetenzen, Erfahrungen und Persönlichkeit gemeinsam bewertet werden können.
2.2 Was stattdessen zählen sollte
Wenn das Bewerbungsfoto wegfällt, bleibt mehr Raum für Informationen, die tatsächlich etwas über die Eignung einer Person aussagen.
Dazu gehören beispielsweise:
- aussagekräftig beschriebene Projekte und konkrete Arbeitsergebnisse
- messbare Erfolge statt allgemeiner Tätigkeitsbeschreibungen
- Arbeitsproben oder Portfolios
- Fachartikel, Veröffentlichungen oder Vorträge
- ein gepflegtes LinkedIn-Profil mit nachvollziehbarem Karriereverlauf
- Weiterbildungen, Zertifikate und nachweisbare Kompetenzen
Kurz gesagt: Alles, was zeigt, was jemand kann und nicht, wie jemand aussieht.
2.3 Der persönliche Eindruck verschwindet nicht – er verschiebt sich
Ein häufiges Argument für das Bewerbungsfoto lautet, man wolle bereits früh einen persönlichen Eindruck gewinnen. Doch genau dafür gibt es heute bessere Möglichkeiten.
Ein erstes Kennenlernen findet ohnehin im Vorstellungsgespräch statt und zunehmend auch per Videocall. Dort erleben Recruiter*innen Menschen in ihrem tatsächlichen Auftreten: wie sie kommunizieren, Fragen beantworten, Probleme strukturieren und mit anderen interagieren.
Dieser Eindruck ist ungleich aussagekräftiger als ein sorgfältig inszeniertes Porträtfoto, das möglicherweise Monate alt oder inzwischen sogar KI-generiert ist.
Der persönliche Eindruck verschwindet also nicht – er verschiebt sich lediglich an die richtige Stelle im Auswahlprozess.

3. Fazit: Es ist Zeit, das Bewerbungsfoto loszulassen
Das Bewerbungsfoto war über Jahrzehnte fester Bestandteil einer Bewerbung. Doch Tradition allein ist kein Argument, an einer Praxis festzuhalten.
Aus eignungsdiagnostischer Sicht liefert ein Bewerbungsfoto keinen relevanten Mehrwert. Im Gegenteil: Es erhöht das Risiko unbewusster Verzerrungen, macht diskriminierungsrelevante Merkmale früher sichtbar und besitzt im Zeitalter KI-generierter Porträts kaum noch einen verlässlichen Informationswert.
Persönlichkeit, Auftreten und Kommunikationsfähigkeit sind wichtig – aber sie gehören ins Vorstellungsgespräch und nicht an den Anfang eines Auswahlprozesses. Wenn Recruiting objektiver, wissenschaftlicher und zukunftsfähiger werden soll, braucht es den Mut, alte Gewohnheiten zu hinterfragen. Ein einfacher erster Schritt wäre, in Stellenausschreibungen klar zu formulieren:
„Bitte bewerben Sie sich ohne Bewerbungsfoto.“
Das sendet ein starkes Signal: Entscheidend ist nicht der erste optische Eindruck, sondern die fachliche Eignung. Denn am Ende sollte nicht das beste Foto überzeugen. Sondern die beste Person für den Job.
Du willst bei der Personalauswahl auf Wissenschaft statt auf Bauchgefühl setzen? Die Software von Applysia vereint die besten Methoden an einem Ort und vereinfacht deinen Prozess dank Digitalisierung. Buche deinen kostenlosen Demo-Termin hier.
Quellen:
Antidiskriminierungsstelle des Bundes (2012). Anonymisierte Bewerbungsverfahren – Abschlussbericht.https://www.antidiskriminierungsstelle.de/
Fernández-Reino, M. et al. (2024). Do ethnic minorities have incentives to omit photographs from job applications? https://academic.oup.com/oxrep/article/40/3/579/7907283
Krause, A., Rinne, U. & Zimmermann, K. F. (2012). Anonymous Job Applications in Europe. https://docs.iza.org/dp7096.pdf
Ruffle, B. J. & Shtudiner, Z. (2015). Are Good-Looking People More Employable? Management Science. https://www.uibk.ac.at/econometrics/lit/cv_goodlooking.pdf
Weichselbaumer, D. (Johannes Kepler Universität Linz). The Discriminatory Power of a Photograph in the Job Market – A Field Experiment on Ethnic Discrimination. https://research.jku.at/en/activities/the-discriminatory-power-of-a-photograph-in-the-job-market-a-fiel/