Julia Mayer
•26 August 2026
Brainteaser im Interview: Klug oder toxisch?
Wie viele Kühe gibt es in Kanada?“ oder „Warum sind Gullideckel rund?“ – Wer sich schon einmal für einen Job beworben hat, ist vielleicht bereits auf solche sogenannten Brainteaser (Fangfragen) gestoßen. Unternehmen wie Microsoft oder Google waren jahrelang berühmt dafür.
Doch während Verfechter*innen behaupten, diese Fragen würden die Kreativität oder das logische Denken testen, zeigt die psychologische Forschung ein ganz anderes Bild. Eine Studie ist der Frage nachgegangen, was für Menschen eigentlich solche Fragen stellen. Die Antwort ist psychologisch interessant: Denn dahinter stecken oft „dunkle“ Persönlichkeitsmerkmale.
Das Problem mit den Rätselfragen: Viel Stress, null Aussagekraft
Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es kaum Beweise dafür, dass Brainteaser den späteren Joberfolg oder die Arbeitsleistung vorhersagen. Selbst der ehemalige HR-Chef bei Google gab zu: „Sie sind eine komplette Zeitverschwendung… Sie dienen primär dazu, dass der/die Interviewer*in sich klug fühlt.“
Für Bewerbende sind sie dagegen der reine Horror. In einer Vorstudie bewerteten Teilnehmer Brainteaser als massiv verunsichernd und stressig. Der wahrgenommene Fairnesswert lag weit unter dem von klassischen oder verhaltensbezogenen Fragen. Warum also nutzen manche Recruiter*innen sie trotzdem?

Die Studie: Wer stellt solche Fragen?
Die Forscher untersuchten in zwei Studien mit arbeitenden Erwachsenen (darunter viele mit echter Hiring-Erfahrung) den Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und der Vorliebe für Brainteaser. Sie schauten sich dabei die sogenannte „Dunkle Triade“ (Narzissmus, Machiavellianismus, Psychopathie) sowie Alltagssadismus an.
Die wichtigsten Ergebnisse:
- Narzissmus und Sadismus als Antreiber: Menschen, die eine hohe Neigung zu Narzissmus und Sadismus aufweisen, finden Brainteaser im Vorstellungsgespräch besonders angemessen und hilfreich.
- Der gemeinsame Nenner ist Gefühlskälte: Durch statistische Analysen fanden die Forscher heraus, dass das verbindende Element dieser beiden dunklen Eigenschaften eine hartherzige Gleichgültigkeit gegenüber den Gefühlen anderer ist.
- Mangelnde Perspektivenübernahme: Personen, die sich gut in die Lage des Bewerbenden hineinversetzen können (Perspektivenübernahme), empfinden Brainteaser als missbräuchlich und ungeeignet. Wer diese Fähigkeit nicht besitzt oder einsetzt, nutzt die Fragen eher.
- Bauchgefühl statt Wissenschaft: Interviewer*innen, die viel Wert auf „Intuition“ beim Einstellen legen (statt auf strukturierte, wissenschaftlich fundierte Methoden), greifen signifikant häufiger zu Brainteasern.
- Geschlechterunterschiede: Männer bewerteten Brainteaser im Schnitt als deutlich angemessener als Frauen.

Machtgefälle im Bewerbungsgespräch
Ein Vorstellungsgespräch ist von Natur aus von einem Machtgefälle geprägt, denn der Interviewende sitzt am längeren Hebel. Die Studie legt nahe, dass toxische Persönlichkeiten diese Machtposition gezielt ausnutzen.
Da der Interviewende die (oft willkürliche) Antwort im Vorfeld kennt, kann er sich wie ein allwissender Quizmaster aufspielen, um das eigene Ego aufzuwerten (Selbstwertstärkung), während die Bewerber*innen ins Schwitzen geraten.
Fazit für Unternehmen: Schafft die Brainteaser ab!
Die Nutzung solcher Fragen schadet Unternehmen massiv. Sie schrecken Top-Talente ab, sorgen für negative Mundpropaganda und beschädigen das Arbeitgeberimage.
Die Empfehlungen der Forscher:
- Struktur reinbringen: Fragen und Bewertungsschemata sollten strikt standardisiert werden. Das nimmt Recruiter*innen die Freiheit für „Ego-Trips“.
- Kultur der Empathie: Unternehmen sollten eine Auswahlkultur etablieren, die Bewerber*innen respektiert, statt sie bewusst bloßzustellen.
- Schulung: Interviewer*innen müssen trainiert werden, verhaltens- oder situationsbezogene Fragen zu stellen, die echte Aussagekraft besitzen.
Wenn dir also im nächsten Gespräch eine absurde Rätselfrage gestellt wird, weißt du jetzt: Es liegt höchstwahrscheinlich nicht an dir – sondern am Ego deines Gegenübers.
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Quelle:
Highhouse, S., Nye, C. D., & Zhang, D. C. (2019). Dark Motives and Elective Use of Brainteaser Interview Questions. Applied Psychology, 68(2), 311–340. https://doi.org/10.1111/apps.12163